Spätantike, Frühes Mittelalter


 

Die Erfindung der Glasmacherpfeife erfolgte in Syrien in der Mitte des 1. Jahrhunderts vor Christus. Der Formenvielfalt und Produktionsmenge waren nun keine Grenzen mehr gesetzt. Nach der Eingliederung Syriens und Ägyptens ins römische Reich entstanden Werkstätten in Italien, Gallien und im Rheinland, die Glasgefäße erstmals serienmäßig als Gebrauchsgut herstellten. Eine Standardform römischen Glases war der Enghalskrug. Die kantige, etwa 15 cm hohe Henkelflasche ist eine typische Form des 1. und 2. Jahrhunderts nach Christus. Der Henkelkrug mit formgeblasenen Kreuzrippen datiert ins 4. nachchristliche Jahrhundert. Nach dem Zusammenbruch des römischen Reiches übernahmen die Franken die noch existierenden Glashütten. Glasgefäße werden nun Statussymbol der Führungsschicht. Der Rüsselbecher fand sich in einem fränkischen Häuptlingsgrab vom Anfang des 7.

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Römische Becher Jesendorf Fränkischer Rüsselbecher
Abbildung 1: Römische Gläser aus dänische Gräber des 3. JH Abbildund 2: Glasbecher aus ein Grab der spätrömischen Eisenzeit bei JesendorfAbbildung 3: Fränkischer Rüsselbecher aus dem 6. JH, Erzeugnis der römischen Glasindustrie, die im Rheinland auch unter fränkischen Königen und auch im Mittelalter, weiterbestand.

 

Hochmittelalter


 

Die Kunst des Glasmachens wurde nie völlig vergessen. DieKlöster führten die Tradition durch die dunklen Jahrhunderte, zur Herstellung farbenprächtiger Fenster ihrer Kirchen. Auch die führenden Schichten besaßen immer Trinkgläser als Zeichen ihres Reichtums. Eine größere Verbreitung erfuhr das Trinkglas im deutschen Raum aber erst wieder im 13. Jahrhundert.

Islamisches Goldemailgläser entstanden in Ägypten in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Sie wurden als begehrte Luxusartikel in Adels- und Großbürgerkreisen geschätzt, aber auch als Reliquiengefäße kostbar gefaßt.

Für den alltäglichen Gebrauch diente der breite Becher mit Fadenauflage. Ganz offensichtlich ist seine Form vom hölzernen Daubenbecher abgeleitet, dem typischen Trinkgefäß dieser Zeit. Solch ein Becher ist einem Bodenfund aus der staufischen Ministerialenburg Burgthann bei Nürnberg, der in der ersten Hälfte des 14.Jahhunderts in den Boden kam. Typisch und weit verbreitet sind die Becher mit schneckenförmigen Nuppen. Ebenso wie die Becher mit blauen Fadenauflagen sind sie aus farblosem, sehr dünnen Glas hergestellt, möglicherweise in Murano/Venedig. Aus dem Spessart stammt ein Becher mit konkav geschwungener Wandung. Diese Glashütte hatte ein weites Absatzgebiet, ähnliche Gläser fanden sich in Köln und Mainz.

 

14. und 15. Jahrhundert


 

Stangen- und Keulengläser

Neuerungen dieser Zeit sind vor allem die hohen Stangengläser aus Böhmen. Sie sind entweder leicht konisch oder keulenförmig gebaucht, die Wandung ist mit vielen kleinen, unregelmäßig geformten Nuppen, meist von einem Spiralring unten und einem Fadenring oben eingegrenzt. Sie wurden von der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts an bis zur ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts hergestellt und von Böhmen über Norddeutschland bis Skandinavien benutzt, seltener dagegen im Westen und Süden Deutschlands. (Abbildung 4) Einen Nachklang erlebt dieser Typus etwa ein Jahrhundert später in sehr ähnlichen Stangen- und Keulengläsern norddeutscher Produktion.

 

Krautstrünke

Aus den dünnwandigen Nuppenbechern des 13. und frühen 14. Jahrhunderts entwickelt sich über die blaugrünen sogenannten Schaffhauser Becher der Krautstrunk des späteren 15.und frühen 16. Jahrhunderts. Dabei wandeln sich die Nuppen allmählich von der kleinen, schneckenförmig abgedrehten zu großflächigen, spitz nach oben ausgezogenen Form. Ein sehr früher Vertreter eines Krautstrunks ist ein kleine Becher aus Landau, der wohl noch aus dem 14. Jahhundert stammt. Ein Treuchtlinger Exemplar aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts erinnert nur noch mit seinem blaugrünen Glas an die Schaffhauser Gruppe. Einen vollentwickelten Krautstrunk der Zeit um 1500 zeigt die Abbildung 5 .

Krautstrünke
Abbildung 5 Krautstrunk um 1500

 

Stangengläser

 

Im Gegensatz zu den bauchigen Formen des Krautstrunks stehen die hohe schlanke Form der zeitgleichen Stangengläser (Abbildung 4).
Stangenglas
Abbildund 4 Stangenglas

Optisch geblasene Becher

Neben den aufwendigeren Nuppengläsern wurden massenhaft billigere sogenannte optisch geblasene Becher aus grünem Waldglas hergestellt. Dabei bläst man den Glaskölbel in ein gemustertes Holzmodel, dessen Muster sich dadurch auf der Wandung abdrückt. Um einen sicheren Stand des Bechers zu erhalten, drückte man den Boden nach innen hoch. Dieser Dorn erreichte besonders bei den Stücken des 16. Jahrhunderts zum Teil beachtliche Höhe (Abbildung 6 und 8). Eine etwas weniger verbreitete Variante des Rippenbecher besitzt einen gestauchten Fuß(Abbildung 6).

Kreuzrippenbecher
Abbildung 6: Kreuzrippenbecher aus dem Rathauskeller in Wismar Abbildung 7: Eine etwas weniger verbreitete Variante besitzt einen gestauchten Fuß Abbildung 8: Rippenbecher aus dem Rathauskeller in Wismar

 

Flaschen

Flaschen Neben schlichten Gebrauchsformen wurden eine Vielzahl unterschiedlicher Schenk- und Trinkflaschen hergestellt. Der Name Kuttrolf oder Angster steht heute für eine ganze Gruppe von Flaschen mit engem, oft mehrröhrigem geradem oder gedrehtem Hals, kugelförmigem Körper und meist schalenartig gebildeter Mündung. Kuttrolfe mit mehrröhrigem Hals waren bis ins 17. Jahrhundert beliebt. Das Verbreitungsgebiet dieser Flaschen war vor allem das Mittel- und Oberrheingebiet, aber auch Norddeutschland. Rippenflaschen mit spiralförmig um den Hals gewickelten Faden sind eine böhmische Sonderform.

 

16. und 17. Jahrhundert


 

Konisch ausladende Nuppenbecher

Schon im ausgehenden 15. Jahrhundert zeichnet sich eine neue Form unter den Nuppengläsern ab, die ein mehr oder weniger zylindrisches Unterteil und eine ausladende Lippe kennzeichnet. Der auch als Berkemeyer bezeichnete Typus ist meist recht klein, mit Nuppen am unteren Teil und einem horizontalen Faden in der Mitte, der Gefäßkörper kann formgeblasen gemustert oder glatt sein. Mit der Zeit wird das Unterteil immer kleiner, und das Oberteil ausladender und kugelig. Auch das Fußteil wird immer höher und schließlich aus einem Faden gewickelt, die Nuppen zu Beerennuppen gestempelt Abbildung 10 - der Römer ist entstanden. Die Gläser können aber auch schlanke, hohe Form annehmen Abbildung 11.

Römer Abbildung 10: Römer Abbildung 11: Römer

 

sonstige Gläser

Diese Gruppe mit oft überbordenden und skurrilen Formen entstand hauptsächlich in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Stangengläser bei denen in mehreren Arbeitsschritten Tierkopfnuppen hohle Rüssel und mehrere Reihen gekerbter und glatter Fadenauflagen appliziert wurden oder schlichter mit hohlen Bärenkopfnuppen und darunter gesetzten flachgedrückten Glastropfen. Ausgehend von der Grundform des Krautstrunks wurden z.B. auch hohle Tierköpfe zwischen zwei gekerbten Bändern aufgebracht. Der gesponnene Fuß verweist aber auf eine jüngere Entstehung um die Mitte des 16. Jahrhunderts. Um die Mitte des 16. Jahrhunderts ändert sich das Typenspektrum der Trinkgläser grundlegend. Der hochgestochene Boden wird durch eingestülpte, separat hergestellte Füße und umgelegte einfache oder girlandenartig durchbrochene Glasfäden als Standhilfe ersetzt.Manchmal stellte man auch eine ältere Form wie den Berkemeyer auf einen hohlen Fuß.

 

Römer

Vor allem begann nun die große Zeit der Römer, die teilweise beachtliche Größe erreichen konnten. Es gab Exemplare von 23 cm hoch und faßt gut eineinhalb Liter. Ebenfalls neu war die Gestaltung der Stangengläser, die nun statt der Nuppen mit horizontalen, gelegentlich farbigen oder gekniffenen Fäden in regelmäßigen Abständen gegliedert wurden. Diese Paßgläser - der Name ist von pas = Maß abgeleitet - sind eine deutsche Sonderform des 16. bis 18. Jahrhunderts. Der Gefäßkörper konnnte glatt, mit formgeblasenen Rippen versehen und auch kantig ausgeführt sein. Die Größen variierten beträchtlich, von 14 cm zu 32 cm bei den großen holländischen Paßgläsern des 17. Jahhunderts. Als Sonderform treten auch emailbemalte Stangengläser auf.

 

Kelchgläser

Weingläser auf hohem Fuß kommen, von Venedig ausgehend, von der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts an in ganz Europa in Mode. Ihre Formenvielfalt ist beträchtlich. Auch Kelchgläser und Flöten mit hohlgeblasenen, balusterförmigen Füßen mit Nodus und Scheiben treten erstmals zu dieser Zeit auf. Damit ist die bis heute obligatorische Form des Wein- und Sektkelches entwickelt.

Das Stilleben erreicht im 17. Jahrhundert in Niederlanden seine Blütezeit. Wir verdanken der Bildgattung viele detaillierte Abbildungen von Gläsern. Eine eigene Untergruppe bilden die Blumenstilleben. Man nutzte Trinkgläser, vor allem die großen Römer, auch gerne als Blumenvasen. Das um 1620 entstandene Blumenstück von Ambrosius Bosschaert, wohl das berühmteste Werk dieses Meisters, zeigt aber ein eigens als Vase gestaltetes Gefäß mit antikisierenden Masken und Blüten mit blauen Zentrum.

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